Europäische souveränität in gefahr: abhängigkeit von us und china wächst

Die digitale Souveränität der Europäischen Union – ein viel diskutiertes Thema der letzten Jahre – scheint weiterhin eine Illusion zu sein. Während die politischen Debatten um die Notwendigkeit einer europäischen Eigenständigkeit toben, bleibt die Realität eine massive Abhängigkeit von den Technologiegiganten aus den USA und China. Die Frage ist nicht nur technischer Natur, sondern hat weitreichende Konsequenzen für die Gesetzgebung und die Wirtschaft.

Der massive unterschied bei öffentlichen aufträgen

Der Vergleich ist schmerzhaft: Während China und die USA rund 70 Prozent ihrer öffentlichen Aufträge an eigene Unternehmen vergeben, liegt der Anteil in Europa bei mageren 12 Prozent. Dieser Umstand ist ein deutliches Indiz für die anhaltende Abhängigkeit Europas – und insbesondere Spaniens – von den Supermächten im globalen Wettlauf um technologische Vorherrschaft. Patricia Valcárcel Fernández, eine renommierte Rechtsprofessorin, spricht daher von der Notwendigkeit eines neuen „digitalen Gesellschaftsvertrags“, der eine grundlegende Neuausrichtung erfordert.

Der Ruf nach Veränderung wird von europäischen Technologieunternehmen laut, die eine Abkehr von den Wolkenlösungen von Amazon, Microsoft und Google fordern: „In Europa produzieren, europäische Produkte kaufen, Europa schützen.“ Eine strategische Absichtserklärung, die jedoch an der Realität vergangert. Spanien und Europa setzen weiterhin auf die großen multinationalen Konzerne, deren restriktive Systeme eine Überprüfung ihrer Praktiken erschweren, obwohl sie sensible personenbezogene Daten verwalten.

Valcárcel sieht die öffentliche Beschaffung als Schlüssel zur Verwirklichung dieses neuen Gesellschaftsvertrags. Sie markiert potenziell den Beginn des Endes der Abhängigkeit in strategischen Sektoren wie der Sozialversicherung und dem Bildungswesen. Spanien hat bereits – und hat weiterhin – Beispiele dafür geliefert, dass ein auf quelloffenen Systemen basierender Ansatz nicht nur die öffentlichen Ausgaben für Beschaffungen und Lizenzen reduziert, sondern auch Arbeitsplätze für Programmierer, Entwickler und Cybersecurity-Spezialisten schafft.

Der hohe preis der abhängigkeit

Der hohe preis der abhängigkeit

Microsoft selbst preist auf seiner Webseite verschiedene Geschäftsmodelle für die öffentliche Verwaltung an, darunter das „Business Agreement“, das Organisationen mit mehr als 250 Mitarbeitern Zugang zu den neuesten Versionen des Betriebssystems ermöglicht – allerdings zu Lasten einer langfristigen Abhängigkeit. In Spanien werden solche Verträge direkt von der Dirección General de Racionalización y Centralización de la Contratación (DGRCC) über sogenannte Dynamische Beschaffungssysteme (SDA) vergeben. Allein im Jahr 2022 belief sich die Ausgaben eines solchen SDA auf unglaubliche 2,646 Milliarden Euro, wovon ein erheblicher Teil auf Lizenzen für Windows und Microsoft 365 entfällt.

Betrachtet man die Entwicklung elektronischer Verwaltungssysteme, wird das Ausmaß der Belastung noch deutlicher: Ein einfacher Vertrag für die Entwicklung dieser Systeme kostete 2025 bereits über 72 Millionen Euro. Ministerien wie Verteidigung und die Secretaría General de Administración Digital sind die größten Ausgabeposten, mit jährlichen Investitionen, die regelmäßig die 166-Millionen-Euro-Marke überschreiten. Eine Investition, deren Nutzen fraglich ist, insbesondere angesichts der kosteneffizienten Alternativen, die Open-Source-Software bietet – und gleichzeitig neue Arbeitsplätze im Technologiebereich schafft.

Ein blick nach frankreich und schleswig-holstein

Ein blick nach frankreich und schleswig-holstein

Frankreich hat bereits einen mutigen Schritt getan: Nach der Migration von 97 Prozent seiner Kapazitäten auf GendBuntu konnte das Unternehmen die Gesamtkosten um 40 Prozent senken, was einer jährlichen Einsparung von 2 Millionen Euro bei den Lizenzgebühren entspricht. Auch in Schleswig-Holstein, Deutschland, führte der Wechsel zu Open-Source-Systemen wie Linux und LibreOffice zu einer beeindruckenden Reduzierung der Kosten um 15 Millionen Euro innerhalb eines Jahres – bei der Migration von 30.000 Arbeitsplätzen.

Auch in Spanien gibt es Vorbilder: In Extremadura wurde vor über 20 Jahren gnuLinEx, eine auf Debian basierende Distribution, eingesetzt, um die Ausgaben für Microsoft-Lizenzen in Schulen und im öffentlichen Sektor zu senken. Obwohl das Programm aufgrund mangelnder Kenntnisse und fehlender Unterstützung schließlich eingestellt wurde, ebnete es den Weg für andere Initiativen. Die Comunidad Valenciana setzt beispielsweise auf LliureX, das bereits über 30 Millionen Euro eingespart hat.

Die Geschichte zeigt: Die Investition in Open-Source-Software ist nicht nur eine Frage der Kosten, sondern eine politische Entscheidung, die das Schicksal eines Landes beeinflussen kann.