Lagarde warnt: europa muss stablecoins-irrweg der usa vermeiden
Christine Lagarde, Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB), hat in scharfer Kritik vor dem potenziellen Nachahmen des US-amerikanischen Umgangs mit Stablecoins gewarnt. Bei einem Wirtschaftsförums in Spanien betonte sie eindrücklich, dass Europa seinen eigenen Weg gehen müsse, um die Finanzstabilität nicht unnötig zu gefährden.
Die tickende zeitbombe: dollar-abhängigkeit und private kontrolle
Lagardes Bedenken liegen vor allem in der Dominanz von Stablecoins, die in US-Dollar denominiert sind. Derzeit beläuft sich der Wert dieser digitalen Währungen auf über 300 Milliarden Dollar – eine Entwicklung, die in den letzten sechs Jahren eine regelrechte Explosion erlebt hat. 98 Prozent dieser Stablecoins sind an den US-Dollar gekoppelt, was sie der Kontrolle der US-Regierung und zweier privater Emittenten, Tether (El Salvador) und Circle (USA), aussetzt. Diese Abhängigkeit birgt erhebliche Risiken für die europäische Finanzlandschaft.
Die Genehmigung des GENIUS Act durch die US-Regierung unter Trump hat den Druck auf Europa weiter erhöht. Dieses Gesetz wird offen als Instrument zur Sicherung der globalen Vorherrschaft des US-Dollars und zur Stärkung der Nachfrage nach US-Staatsanleihen präsentiert – ein Szenario, das Lagarde entschieden ablehnt.

Funktion trennen: die wahre falle der stablecoins
Die Debatte um Stablecoins wird oft von der vermeintlichen Notwendigkeit einer europäischen Alternative geprägt, um eine „digitale Dolarisierung“ zu verhindern. Lagarde argumentiert jedoch, dass die vermeintlichen Vorteile dieser Instrumente auf zwei getrennten Funktionen beruhen: einer monetären und einer technologischen. Sie plädiert dafür, diese Funktionen zu entkoppeln, bevor strategische Entscheidungen getroffen werden.
„Die Idee, die ich heute entwickeln möchte, ist, dass, sobald wir diese beiden Funktionen trennen, die Argumente für die Förderung von Stablecoins, die in Euro denominiert sind, weitaus weniger überzeugend erscheinen“, erklärte Lagarde. Die Frage, ob Stablecoins überhaupt notwendig sind, um die ihnen zugeschriebenen Vorteile zu erzielen, müsse ebenfalls kritisch hinterfragt werden. Ist es nicht eher eine Verwechslung von Instrument und Ergebnis?

Die gefahr des dominoeffekts: was der fall usdc zeigt
Lagarde führte Beispiele wie den Absturz von USDC, der Stablecoin von Circle, nach dem Konkurs der Silicon Valley Bank im März 2023 an, um die Risiken zu verdeutlichen. Der Wert von USDC fiel damals auf 0,877 Dollar, 12 Cent unter seiner versprochenen Parität. Ein solches Szenario untergräbt das Vertrauen in Stablecoins und kann zu erheblichen Turbulenzen auf den Finanzmärkten führen.

Der wahre schlüssel: eine solide basis für den euro
Lagarde sieht die Stärkung des Euro als die effektivste Lösung, um dessen internationale Attraktivität zu erhöhen. Statt Stablecoins zu emittieren, sollte Europa auf eine stärkere Integration der Kapitalmärkte und eine solide Basis von sicheren Vermögenswerten setzen. „Wenn wir die internationale Attraktivität des Euro stärken wollen, sind Stablecoins nicht der effizienteste Weg, dies zu erreichen“, betonte sie.

Dlt als chance: die technologische revolution
Lagarde räumte jedoch ein, dass Stablecoins ein Potenzial in ihrer technologischen Funktion bergen. Die Distributed Ledger Technology (DLT) ermöglicht die Emission, den Handel und die Abwicklung von Vermögenswerten auf einer einzigen Plattform – ein Vorteil für Europa, dessen Infrastruktur noch stark fragmentiert ist. Das Projekt Pontes, das ab September die DLT-Plattformen mit TARGET, dem aktuellen Abwicklungssystem, verbindet, ist ein vielversprechender Schritt in diese Richtung. Die Tests im Jahr 2024 mobilisierten bereits 1,6 Milliarden Euro in 50 Transaktionen über neun Jurisdiktionen. Die Initiative Appia sieht eine vollständig interoperable europäische Finanzlandschaft bis 2028 vor.
Lagarde schloss ihren Vortrag mit einem Zitat von Seneca: „Kein Wind ist günstig für den, der nicht weiß, in welchen Hafen er steuert.“ Europa kenne seinen Hafen: Die Förderung einer soliden, unabhängigen und technologisch fortschrittlichen Finanzlandschaft, die nicht von den Launen anderer Staaten abhängig ist.
